Balkongedanken (2) – Prägungen

„Ich möchte nie so werden wie meine Eltern!“ – Diesen Satz haben wohl die meisten von uns schon einmal gedacht, gesprochen, geschrieben – ich auch, oft genug mit Ausrufezeichen.

Das Pflichtbewusstsein freudestrahlt „hallo-ho“, die in der Wohnung angesammelte Handarbeitsleidenschaft grinst wissend vor sich hin, feixend steht das „DaskannmandochsonichtlassendasgehtdochnichtwassollendenndieLeutedenken“ mitten im Weg, brettlbreit fläzt das Ehefrauen-Ehrgefühl rum und die misanthropische Ader grätscht auch ab und zu dazwischen.

Surprise, surprise – vergesst das mit dem „nicht so werden wollen wie die Eltern“!
Auch wenn wir vieles anders machen, anders machen können und uns sehr viel mehr Optionen zur Verfügung stehen – moderne Zeiten eben -, sind wir doch das Produkt unserer Eltern.

Wer und wie bin ich, und warum bin ich so wie ich bin? Verschiedene Inputs lösen aktuell bei mir Selbstreflektion aus. Einerseits freue ich mich, ein Wort dafür zu haben, das mir mein Leben im nachhinein ein bisschen verständlicher macht und das ich nicht groß anderen erklären muss, die in der gleichen Liga spielen: Kriegsenkel!*
Andererseits frage ich mich ironisch „Na, haste jetzt auch endlich ein Label für dich gefunden? Das ist aber bequem, was?“

Ich stelle fest: Es ist kompliziert. Die Verantwortung einfach auf unsere Altvorderen zu schieben, ist zu simpel, denn für unser Leben sind wir ab einem gewissen Alter selbst und höchstpersönlich zuständig. Aber dennoch spiegelt vieles von dem, was mein Leben prägt,  das Leben meiner Eltern wider.
Das fängt damit an, dass wir drei Geschwister von zuhause ausgezogen sind, sobald wir volljährig waren. Bloß weit weg! – Ach guck, die Eltern waren im selben Alter, als sie ihre Elternhäuser verlassen haben?
Das geht zum Beispiel weiter damit, dass in unserer Familie jeder für sich allein kämpft und Kontakte unter uns Geschwistern nur rudimentär bestehen. – Öhm, das war bei Maman ja auch nicht anders, und der Vater als Einzelkind … wie denn auch?
Und es endet noch lange nicht damit, dass ich (ebenso wie meine beiden Brüder) ohne Rücksicht auf körperliche Auszeitsignale pflichtbewusst Dienst tue, notfalls mit Fieber und auf Krücken. Das war schon in der Schule so und ich glaube, ich habe in über 20 Jahren Arbeitsleben nur eine einzige Krankmeldung über 3 Tage abgegeben. – Auch da fällt der Apfel nicht weit vom Birnbaum, weil „Was sollen denn die Leute denken?!“.

Es tut gut, solche Muster zu erkennen und festzustellen, dass man dagegen angehen kann. Das ist harte Arbeit und nicht immer leicht, aber: Nein, ich bin kein schlechter Mensch, wenn ich mit Erkältung mal im Bett bleibe, ich bin gerade ein Bazillen-Mutterschiff und gehöre in Quarantäne! Ja, wir Geschwister sehen und hören uns selten, aber im Notfall stehen wir zusammen gegen den Rest der Welt!
Nur so zum Beispiel.

Und dann kann man auch lächelnd manche übernommenen Handlungsweisen akzeptieren und damit klarkommen.
AnnJ geht jetzt ’ne Runde an die Nähmaschine, mit Kaffee! (Ja Maman, ich sammel die Fädchen und Schnipsel dann schon weg!)

🙂

 

* Der Ausdruck Kriegsenkel stammt von der Autorin Sabine Bode, die mir mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel viele Denkanstöße gegeben hat.

 

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