Balkongedanken (3) – Von der Jugend

Mal wieder ein paar neue Häuser in Bloggerhausen besichtigt. Also neu im Sinne von „kannte ich noch nicht“, nicht von „neu gebaut“.
Nun ja, ich liebe Berufeblogs. Mir gefällt der Blick hinter die Kulissen, das Insiderwissen, die Sicht von drinnen nach draußen, quer durch alle Berufe.
Wenn Sie aber den Glauben an die Zukunft, speziell an die inländische Zukunft verlieren möchten, wenn Sie also unbedingt darauf bestehen – dann lesen Sie Lehrerblogs.

Nun ist es ja so, dass gerade beim Bloggen über den Beruf nicht die vielen schönen Begebenheiten aufgeschrieben werden, das wäre ja irgendwann fad. Oft sind es eben die negativen Erlebnisse, die das Bild prägen. Aber gerade bei Kindern vermittelt sich mir seit vielen Jahren ein Wandel, der mich stellenweise sehr schockiert und ratlos macht. Selber bin ich ja kein Elter, deshalb tue ich mir schwer, Ursachen und Zusammenhänge zu finden, die über das von mir „heiß geliebte“ Stammtischniveau hinausgehen. Also bitte, klären Sie mich auf: Wo ist der Knackpunkt in den letzten zwanzig, dreißig Jahren? Was sind Ursachen, Wirkungen, Auswirkungen und Nachwirkungen?

Ich grüble darüber nach, dass es doch nicht sein kann, dass die Kinder

– anscheinend nicht in der Lage sind, gesunden Menschenverstand zu entwickeln (Ballerinas sind „festes Schuhwerk“??)
– nach der Grundschule nicht in der Lage sind, einen Satz fehlerfrei zu schreiben, geschweige denn, einem Diktat zu folgen
– überhaupt einer Tätigkeit nicht länger als fünf Minuten Aufmerksamkeit widmen können (Lesen? Zuhören? Wassndas?)
– an den einfachsten Wörtern scheitern („Balkon“ – einen haben und das Wort dafür nicht kennen – ERNSTHAFT??)
– keine Zusammenhänge herstellen können
– offenbar die grundlegendsten Höflichkeitsregeln im menschlichen Miteinander nicht kennen
– sich untereinander unglaublich respektlos behandeln
– mit einer Selbstverständlichkeit auch gegenüber Erwachsenen – Eltern, Bekannten und Fremden – respektlos sind
– glauben, mit einer „Entertain me“-Einstellung durch das ganze Leben zu kommen
– dabei ein Aggressionspotenzial an den Tag legen, das mich schockiert
– keinerlei Empathie mehr entwickeln können
– niemand außer sich selbst als Autorität betrachten
– keinerlei Willen haben, irgendetwas zu erreichen.

Dass Kinder
– mit vier, fünf Jahren noch im Kinderwagen durch die Gegend gefahren werden
– ihren Eltern erzählen, was sie einzukaufen bzw. zu kaufen haben
– jeden Stein aus dem Weg geräumt bekommen
– für ihr Handeln keine Konsequenzen erfahren
– dafür aber eine Bequemlichkeit erleben, die jede Eigenverantwortung überflüssig macht
– und deshalb immer die Schuld am eigenen Scheitern, in welcher Hinsicht auch immer, bei anderen sehen.

Und das sind nur einige wenige Punkte, die mir gerade so spontan einfallen. Ich scheine also wirklich irgendwo aus der Zeit gefallen zu sein. Gibt es keine Normalität mehr, sondern nur noch Extreme? Wenn das allerdings die Normalität ist, weigere ich mich, sie gut zu finden.

Wo also ist in den Generationen vorher der Bruch? Denn die Kinder selbst können wenig dafür, sie sind ja auch nur das Produkt ihrer Umgebung.
Natürlich hat sich die Welt gewandelt, vor allem und ganz besonders in technischer Hinsicht. An diesem Punkt sind es wohl auch die Kinder, die ihren Eltern überlegen sind – weil sie das technische Know How nebenbei aufnehmen und nicht mühsam lernen müssen wie die Alten. Haben Sie mal Zweijährige beobachtet, die die typische „Wischgeste“ machen? Können wir also Erziehung heute noch mit der Erziehung von früher vergleichen? Auch als ich Kind war, war die Welt im (auch technischen) Umbruch. Quer durch alle Kulturen und Migrationshintergründe – sind Achtung und Respekt gegenüber Mitmenschen keine zeitgemäßen Werte mehr? Was also gibt das dann so in zwanzig bis dreißig Jahren?

Und mit all diesen Fragen und Grübeleien habe ich auch den kleinen Neffen im Sinn. Mich – ausgerechnet mich?! – bzw. den MannMitHut und mich haben mein Bruder und meine Schwägerin vor einiger Zeit schon gebeten, das Kind aufzunehmen, wenn ihnen was …. Sie wissen schon *seufz*. Das gibt nochmal wieder eigene Balkongedanken.

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2 Kommentare

  1. Bin auch kein Elter, habe aber viele Kinder von Freunden aufwachsen sehen. Und nein, diesen Pessimismus kann ich nicht teilen. Immer, wenn es mich (kopf)schüttelte, habe ich mich an meine eigene Kindheit erinnert – und an die Reaktionen der Erwachsenen. Ich denke, Vorbehalte gegenüber der ‚heutigen Jugend‘ sind so alt wie die Menschheit. Jedenfalls sind alle dieser ‚verzogenen‘, ‚chaotischen‘ Kinder heute selber verantwortungsvolle Erwachsene und teils Eltern.

    Und nun die schlechte Nachricht: Diese Ex-Kinder stammen alle aus Akademiker-Familien. Einen Mangel an Bildung in weiten Teilen der Bevölkerung hat es jedoch ebenfalls schon immer gegeben. Das sagt nichts über den Wert eines Menschen aus! Ich bin in einer Malochersiedlung aufgewachsen; die Menschen dort waren relativ ungebildet, aber völlig OK mit viel common sense. Was bitte hat „Ballerinas sind ‚festes Schuhwerk'“ mit „gesundem Menschenverstand“ zu tun? Und heißt der Plural nicht ‚Ballerinen‘? 😉

  2. Eben, ich ziehe ja auch meine eigene Kindheit als Vergleich heran. Dass Kinder sich abgrenzen müssen, sollen und wollen – keine Frage! Erwachsene sind eben oft doof und blöd und langweilig. Aber: Weder mir noch irgendeinem anderen in meinem Kindheitsumfeld wäre zum Beispiel auch nur im Traum eingefallen, einem Erwachsenen (außerhalb der Familie) zu widersprechen oder gar Beleidigungen an den Kopf zu werfen! Und diese Leute dabei auch noch zu duzen… Oder mitten im Unterricht was zu essen, Schminksachen oder sonst etwas Unangebrachtes herauszukramen – ja, wo samma denn??
    Und zum Thema Ballerinas: Eine 13- oder 14jährige sollte meiner Meinung nach nun wirklich in der Lage sein, die Informationen „Wandertag heißt WANDERtag, wir werden Berge rauf- und runterkraxeln“ und „bitte festes Schuhwerk tragen“ so weit zu verknüpfen, dass sie eben nicht selbige Ballerinas anzieht.

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