1935

(Vorsicht, emotionaler Text!)

An diesem Freitagmorgen stand sie im Kirchenhof und hatte den Besen in der Hand. Eigentlich sollte dies ja ein besonderer Tag sein, aber ach, die Pflicht war wichtiger. Der Hof musste gefegt werden, und die Kirche selber musste auch noch hergerichtet werden. Schließlich war übermorgen Erntedank-Sonntag und große Feier. Als Hausmeisterpaar in der Kirche war man dafür verantwortlich. Sollte ihr keiner vorwerfen, sie wäre nachlässig und würde ihre Arbeit nicht machen! Ihr hochschwangerer Bauch war ihr schon sehr hinderlich, aber sie wollte wenigstens etwas geschafft haben, bis die anderen Gemeindefrauen zum Helfen kamen.
So viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf, an diesem besonderen Tag. Es wäre so schön, wenn das heute klappen würde. Aber was würde sie am Ende in Händen halten?

Als ihre Schwangerschaft sichtbar wurde, im vierten Monat, da hatten die Neider und die Bißgurken ihr arg zugesetzt. Man wusste doch, wie ihre Ehe war! Böse Vorwürfe und Gerüchte schwirrten durch die Gemeinde. Nichts davon war wahr, aber die Lügen gingen ihr so nahe, dass ihr Körper streikte und die Schwangerschaft abbrechen wollte. Und wie hatten die Ärzte im Krankenhaus auf sie eingeredet, wieder und wieder! „Frau S., es tut uns sehr leid, aber es wäre wirklich besser, das Kind abzutreiben! Sie haben das ganze Fruchtwasser verloren. Wenn Sie dieses Kind austragen, wird es sehr wahrscheinlich körperlich und geistig behindert sein! Schwer behindert! Sie sind ja auch nicht mehr jung.“ Nein, da war sie trotzig geworden. Schuld an dieser Misere war nicht sie, schuld waren andere. Sie würde das Kind bekommen, und wenn es nicht gesund wäre, dann würden die Schuldigen dafür bezahlen!

Sie wünschte sich so, dass es heute käme. Monatelang hatte sie immer wieder gesagt, dass es heute käme und dass es ein Mädchen sein würde. „Hexe“ hatte ihr Mann sie dann genannt, wie immer, wenn sie ihm unheimlich wurde und er dem hilflos gegenüberstand. Nach den zwei Buben hätte sie doch so gerne noch ein Mädchen.

Mittags merkte sie, dass es doch besser war, mit der Arbeit aufzuhören und sich ins Krankenhaus aufzumachen.

Einige Stunden später war noch nicht viel passiert. Ihre eigene Mutter stand in der Tür, schüttelte den Kopf und verabschiedete sich: „Schade, das wird heute wohl nichts mehr.“ „Warte nur ab, noch ist nicht Mitternacht.“ war ihre Antwort. Sie merkte ja, dass das Kind auf die Welt wollte.

Die Ärzte wollten gerne ins Wochenende gehen, am Freitagabend. Aber die Frau S. mit ihrer Risikogeburt, was sollte man denn da … Bei einem weiteren Besuch am Bett sagte die Hebamme schließlich: „Die Frau S., die hätte gerne heute noch ihr Kind. Die hat nämlich heute Geburtstag!“

Ab da wusste sie nicht mehr viel. Aber als sie aus der Narkose aufgewacht war, legte man ihr ihr Kind in den Arm. „Herzlichen Glückwunsch, Frau S., es ist ein Mädchen! Soweit wir es jetzt sagen können, ist es gesund. Nur die Nase mussten wir ein bisschen richten.“ Alles wurde golden.

6.10., 20.05 Uhr hatte die Hebamme auf der Geburtsurkunde eingetragen.

 

Liebe Mama, heute wärst Du 80 Jahre alt geworden. Wir können nicht mehr zusammen feiern, aber heute, an Deinem Runden, bist Du mir besonders nahe.

Ich wünschte, ich wüsste mehr über diesen Tag vor hüstelundvierzig Jahren, aber mehr hast Du nie erzählen können und wollen. Und dann konnte ich Dich nicht mehr fragen.

Mögen Dir die Rosen ewig blühen.

 

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