Balkongedanken (5) – Steine im Weg und leben lernen

Da macht man sich so seine Gedanken …

In meinem Bekanntenkreis gibt es einen Menschen, dem ich so gerne irgendwie helfen würde. Es tut mir in der Seele weh, diesen Menschen so am Rand seiner Kraft und so ohne Energie zu sehen. Das Selbstbewusstsein so klein mit Zylinder, dass es unter den Teppich passt. Und immer neue Rückschläge, ohne Pause, um sich wenigstens einmal ein bisschen zu erholen. Aber da bringt Hilfe von außen leider so gar nichts, denn es ergibt sich eines aus dem anderen. Als Außenstehender ist es natürlich immer leicht, sich zu einer Meinung aufzuschwingen und sowohl Fehlerursache als auch Problemlösung glasklar zu sehen – vermeintlich zu sehen.

Ich vergleiche oft zwei unglaublich unterschiedliche Lebensverläufe. Und scheitere regelmäßig an der Frage, welche denn die bessere Alternative ist.

Da ist also ein Menschenkind, das in einer recht gut gestellten Familie aufwächst. Es wird geliebt und behütet.  Jeder Stein, der auch nur ansatzweise die Frechheit besitzt, in seinem Weg zu liegen, wird ihm aus ebenjenem geräumt. Nie darf es sich den Zeh stoßen, nie darf es lernen, mit den Steinen zu spielen und umzugehen. Nie darf/soll es sich die Steine selber aus dem Weg schaffen. Weil es das aber nicht lernt, ist jeder Stein ein unüberwindliches Hindernis. Oder es macht Fehler bei den Versuchen, selber mit den Steinen fertig zu werden. Was wiederum zur Folge hat, dass die Eltern nicht loslassen. Weil: Das Kind schafft es ja nicht alleine. Es muss an der Hand bleiben. Aber es wächst in einem liebevollen und harmonischen Umfeld auf, es lernt, dass die Familie ein stabiles Umfeld ist und keine Existenznot herrscht.

Ein roter Faden durch ein ganzes Leben. Die Male, wo das Menschenkind versucht hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, waren überstürzte, teilweise kopflose Aktionen, die auf Biegen und Brechen sein mussten. Entscheidungen, die aus zu wenig Lebenserfahrung und zu wenig Horizont entstanden, aber abgrenzen sollten. Dabei ist dieses Menschenkind durchaus ein kluger Kopf, der einfach nur nie auf sich alleine gestellt war – oder sein durfte.

Das andere Menschenkind hatte sehr früh bereits gelernt, dass es sich auf niemanden verlassen kann. Dass es sich selbst der Anker sein musste, weil alles um es herum instabil und nicht belastbar war. Es gab weder Liebe noch Harmonie, stattdessen ein „Seh zu, wie du klarkommst.“ Auch ein roter Faden. Es stieß an Steine auf seinem Weg, sah sich hilfesuchend um und musste die Steine doch allein besiegen. Jeder Stein brachte ein bisschen mehr Erfahrung. Manche Steine konnte es auch nicht bewegen und scheiterte. Es verzweifelte oft und wollte mehr als einmal aufgeben, aber irgendwie ging es immer weiter.

Und dann denke und grüble ich so, dass ein Kind nicht ohne Liebe aufwachsen sollte. Jedes Kind sollte doch eine behütete Kindheit erfahren dürfen, oder? Aber wenn das dazu führt, dass jemand als Erwachsener nicht unabhängig sein kann? Ist der zweite Lebensverlauf mit den extrem schwierigen – hm, Rahmenbedingungen besser, weil er Horizont brachte und lebenspraktisch machte?

Ich komme zu keinem Schluss, weil beides solche Extreme sind.

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2 Kommentare

  1. Wenn du zu keinem Schluss kommst, weil beides solche Extreme sind – liegt es da nicht nahe, die goldene Mitte anzustreben?

    Ich bin auch nicht sicher, ob es bei Helikopter-Eltern wirklich Liebe ist, wenn sie ihren Kindern gute wie schlechte Erfahrungen ersparen. Wie du richtig schreibst, führt das zu Lebensuntüchtigkeit. Mich beschleicht da oft der Verdacht, dass es seitens der Eltern auch reichlich Geltungsdrang und Egoismus im Spiel sind nach dem Motto: „Also WIR achten ja auf unsere Kinder!“. Sinngemäß oft genug in Gesprächen mit Eltern gehört, die ihrem Nachwuchs mehr Freiheit lassen.

    Bin selber kein Elter, aber die besten unter meinen Freunden haben so erzogen:
    Sie hechelten nicht den ganzen Tag hintern ihren Kindern her, machten kein Drama aus einem aufgeschürften Knie und gaben allenfalls Hilfe zur Selbsthilfe. Aber wenn das Kind ein Problem hatte, konnte es damit jederzeit zu ihnen kommen.
    Diese Kinder sind heute allesamt ziemlich bis enorm lebenstüchtige Erwachsene.

  2. In diesem speziellen Fall, an den ich da denke, würde ich noch nicht einmal von Helikopter-Eltern im heutigen Sinn sprechen. Eher davon, dass die Eltern sich durch das „gebraucht-werden“ definieren. Wann immer etwas ist, springen sie auf und tun und machen und unterstützen … denn wenn sie es nicht tun, geht halt irgendetwas noch schiefer. Da ist eben der Zeitpunkt für das konsequente Abgrenzen längst verpasst.
    Es tut mir halt sehr leid, einen Menschen mit Mitte 30 so abhängig zu sehen, zumal da jetzt noch chronische Krankheit und einiges mehr dazugekommen ist.

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