Balkongedanken (6) – Tochter meiner Mutter

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, in der nichts wichtiger war für mich als die Abgrenzung von meinen Eltern. Alles was sie je sagten oder taten –  je sagen oder tun konnten – löste in mir Widerstand und Widerwillen aus. Ganz besonders schlimm fand ich nach meiner Erinnerung tradierte Verhaltensweisen, die nicht deshalb Tradition waren, weil sie sinnvoll oder sinnig gewesen wären, sondern weil „man es eben immer schon so gemacht hat“ oder noch besser: „Das macht man halt so.“ Nicht umsonst bin ich im zarten Alter von 19 Jahren von zuhause ausgezogen (geflüchtet trifft es eher …).

Und heute ertappe ich mich doch immer wieder dabei, dass ich meine Mutter kopiere. Zum Glück nur bei den relativ harmlosen Dingen, dennoch: Hätte mir jemand prophezeit, dass ich einmal liebend gerne an der Nähmaschine und an den Stricknadeln sitzen werde, jeden Tag zumindest versuche, ein „ordentliches Essen“ auf den Tisch zu stellen und den MannMitHut niemalsnicht mit einem ungebügelten T-Shirt aus dem Haus lasse – so abschätzig hätte mein Blick gar nicht sein können, wie ich mich meilenweit überlegen gefühlt hätte.

Und dann kommt das Leben und macht mir ganz gerne immer mal wieder deutlich, dass ich wohl doch die Tochter meiner Mutter bin:
Erstens: Ich stehe morgens original in der selben gebückt-abwartenden Haltung vor der Kaffeemaschine und warte darauf, dass der Kaffee fertig ist. Der Unterschied liegt hier im Detail: Ich trage definitiv keine Frottee-Schlafanzüge.Zweitens: Ich singe doch tatsächlich bei der Hausarbeit, besonders gern beim Kochen die Moritat von Mackie Messer!! Aber immerhin auch hier mit Abgrenzung: Ich singe (naja …) ALLE Strophen, nicht nur die erste.

Und wenn ich heute ein Essen koche, von dem ich weiß, dass es meiner Mutter bestimmt geschmeckt hätte – wie den Schweinebraten mit Knödeln letzte Woche -, ja dann werde ich für einen Moment traurig, weil zu viel an Erinnerung hochkommt und an *Hatnichtmehrseinsollen*. Und dann kann ich nicht anders als als in den Himmel zu gucken und laut zu sagen „Schau Mama, (beliebiges Gericht) gibts heute! Kommst Du auch?“ Dann gehts wieder.

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht …

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3 Kommentare

  1. Ich ertappe mich auch dabei, dass ich Verhaltensweisen meiner Mutter zeige. Das passt mir alledings ganz und gar nicht. Außerdem überlege ich nun, wie ich den Haifisch wieder aus meinem Kopf bekomme! Vor allem die Bilder dazu… ich weiß nicht, ob du die „Sex and the City“-Folge kennst, in der dieses Lied eine Rolle spielt? Der textilfreie Harry und die Teebeutel… ?! *Kopfkino*…

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