Balkongedanken

Balkongedanken (7) – Dankbarkeit

Wissen Sie, 2016 war für mich und den MannMitHut absolut kein überragendes Jahr. Zu viele Hindernisse im Weg, zu oft „gehe zurück auf Los“, zuviel Kraft- und Energieraubendes. Die größeren Ereignisse sind hier nachzulesen, die vielen kleineren nicht so. Wir sind inzwischen beide tatsächlich angeschlagen und oft nur noch sehr, sehr müde. Bei mir ist es etwas besser geworden, seit ich mit meiner Ärztin gesprochen habe (es gibt sie noch, diese tollen Zuhör-Ärzte) und wieder brav regelmäßig meine Tabletten nehme (dass eine solche Winzmenge an Schilddrüsenhormom so viel ausmachen kann …). Der MannMitHut ignoriert noch, aber ich sehe ihm ja an, wie ihm das Jahr zugesetzt hat.

Trotzdem: Eines der vorherrschenden Gefühle in 2016 bei mir ist Dankbarkeit. Dafür, dass mein Leben trotz allem ein gutes ist. Ich bin dankbar dafür, dass
ich den MannMitHut habe
ich ein ziemlich großes Dach über dem Kopf habe
ich Menschen kennenlerne, die mich unterstützen und fördern
ich in einem friedlichen Land lebe und einfach in Geschäfte gehen und einkaufen kannich keine schlimmen Krankheiten oder Behinderungen habe
ich selbständig sein kann, weil ich das will
ich in einem Haus mit Garten und viel Platz lebe
ich meinen Hobbies nachgehen kann
und noch etliches mehr, das mir jetzt gerade nicht einfällt.

Und so lange ich noch jeden Samstag zum Einkaufen fahren kann, so lange ich den Kühlschrank oder den Küchenschrank aufmache und darin etwas zu essen ist, so lange ich Strom, Heizung und die Annehmlichkeit eines Bades (und dreier Toiletten, nebenbei) habe, so lange ich keine ernsthaften Gesundheitsprobleme habe, so lange ich Haustiere haben und notfalls spontan in die Tierklinik fahren kann (drücken Sie der Cleo ein bisschen die Daumen, ja?) – so lange GEHT ES MIR NICHT SCHLECHT! Ich bin dankbar dafür, dass ich das alles habe. Sehr.
Ich sage das auch nicht einfach vor mich hin oder versuche mir das einzureden, sondern: Das ist ein Gefühl, das ganz tief aus dem Bauch kommt.

Nein, wir können im Moment kein Geld auf die Seite legen, keine Sprünge machen, wir leben spitz auf Knopf, wir wissen manchmal nicht, wie wir große Rechnungen bezahlen sollen, wir würden so gerne das Haus gefälliger machen und notwendige Instandhaltungen machen lassen, es geht eben nicht.

Und doch: Ich finde, wir müssen alle wieder viel mehr die kleinen Dinge schätzen, die wir so oft als selbstverständlich hinnehmen. Es kann alles sehr schnell vorbei sein.

Balkongedanken (6) – Tochter meiner Mutter

Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, in der nichts wichtiger war für mich als die Abgrenzung von meinen Eltern. Alles was sie je sagten oder taten –  je sagen oder tun konnten – löste in mir Widerstand und Widerwillen aus. Ganz besonders schlimm fand ich nach meiner Erinnerung tradierte Verhaltensweisen, die nicht deshalb Tradition waren, weil sie sinnvoll oder sinnig gewesen wären, sondern weil „man es eben immer schon so gemacht hat“ oder noch besser: „Das macht man halt so.“ Nicht umsonst bin ich im zarten Alter von 19 Jahren von zuhause ausgezogen (geflüchtet trifft es eher …).

Und heute ertappe ich mich doch immer wieder dabei, dass ich meine Mutter kopiere. Zum Glück nur bei den relativ harmlosen Dingen, dennoch: Hätte mir jemand prophezeit, dass ich einmal liebend gerne an der Nähmaschine und an den Stricknadeln sitzen werde, jeden Tag zumindest versuche, ein „ordentliches Essen“ auf den Tisch zu stellen und den MannMitHut niemalsnicht mit einem ungebügelten T-Shirt aus dem Haus lasse – so abschätzig hätte mein Blick gar nicht sein können, wie ich mich meilenweit überlegen gefühlt hätte.

Und dann kommt das Leben und macht mir ganz gerne immer mal wieder deutlich, dass ich wohl doch die Tochter meiner Mutter bin:
Erstens: Ich stehe morgens original in der selben gebückt-abwartenden Haltung vor der Kaffeemaschine und warte darauf, dass der Kaffee fertig ist. Der Unterschied liegt hier im Detail: Ich trage definitiv keine Frottee-Schlafanzüge.Zweitens: Ich singe doch tatsächlich bei der Hausarbeit, besonders gern beim Kochen die Moritat von Mackie Messer!! Aber immerhin auch hier mit Abgrenzung: Ich singe (naja …) ALLE Strophen, nicht nur die erste.

Und wenn ich heute ein Essen koche, von dem ich weiß, dass es meiner Mutter bestimmt geschmeckt hätte – wie den Schweinebraten mit Knödeln letzte Woche -, ja dann werde ich für einen Moment traurig, weil zu viel an Erinnerung hochkommt und an *Hatnichtmehrseinsollen*. Und dann kann ich nicht anders als als in den Himmel zu gucken und laut zu sagen „Schau Mama, (beliebiges Gericht) gibts heute! Kommst Du auch?“ Dann gehts wieder.

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht …

Gedankengänge

Eine lange, lose Sammlung von Gedankengängen … sorry for that, mir schwirrt’s grad.

Es ist wohl wieder Dezember, wenn sich der Anfang eines bestimmten Liedes in meinem Kopf festsetzt. Nemesis. Nicht mehr ganz so schlimm wie in den letzten Jahren, ich bin ja auch 400 km vom Ort des Geschehens weg und ziemlich beschäftigt. Oder kommt das noch?

Seufz. Weihnachten doch nicht mit meiner eigenen Küche. Die lagert halt immer noch im Keller. Weil es nämlich mit „einfach mal aufstellen“ nicht getan ist. Wenn ich DA anfange, dann: *erst muss die linke Seite raus, dann muss die Wand verputzt und gestrichen werden, dann soll der Kühlschrank dahin, aber vorher muss der Fußboden neu, unterm Fenster müssen die Fliesen ab, Fliesenmörtel abmachen, auch neu verputzen, wenn die andere Seite rauskommt, wohin stell ich den ganzen Krams eigentlich, und ausräumen ist ja ganz vorher auch noch dran, also bei der anderen Seite müssen erst die Fliesen geschrubbt und dann überklebt werden – halt ne, vorher die Fugen weißen, dann Wand streichen, die Decke muss auch gestrichen …, welche Farbe überhaupt, dann Fußboden komplett, welche Fußbodenfliesen eigentlich …, ach so, wir brauchen einen neuen Unterschrank, das Küchenprogramm gibts nicht mehr, Türe zum Möbelhaus mitnehmen, was ähnliches ordern, wie breit kann der neue Unterschrank eigentlich sein, wie krieg ich eine 3 m Arbeitsplatte transportiert, und krieg ich unsere Freunde für den End-Einbau organisiert?*
Ja, mir ist jetzt auch schwindelig. Und das ist nur-die-Küche!

Trotzdem werden weiter Plätzchen gebacken! Mitleidige Blicke und tröstendes *oooooochpattpatt* vom MannMitHut, wenn ich mir ständig das Hirn – ach, Sie wissen schon. Sie können mein Genörgel über die Dunstabzugshaube eh schon mitsingen.

War das tatsächlich früher auch schon so? Ich habe es nie so extrem mitbekommen. (Klein-AnnJ dagegen hatte dringende Empfehlung aufs Gymnasium und durfte nicht. Weil das kleine Mädchen nun mal nicht schlauer als die Eltern oder die Brüder zu sein hat. Für die hat die Hauptschule doch auch gereicht. Unbekanntes Terrain, wo kämen wir denn da hin. Und was sollen die Leute sagen.) Dazu passt dann auch die kürzlich gesehene Doku über Handwerksbetriebe und ihre verzweifelte Suche nach Auszubildenden. Auch da kam zur Sprache, dass es unter einem Realschulabschluss gar nicht mehr geht. Andererseits läge auch sehr viel in der Person desjenigen, der gerne eine Lehrstelle hätte. Unpünktlichkeit, Unzuverlässigkeit, chillige Einstellung – das ist alles nicht im Schulabschluss begründet. Und: Handwerksberuf – ist doch voll uncool! (Oh wie sehr ich das gerade NICHT finde!)
Und eine der jüngeren 37 Grad-Dokus im Zweiten – eine Elfjährige mit dem straffen Zeitplan einer Managerin? Hallo, gehts noch? Ich verstehe auch, dass Eltern das beste für ihre Kinder wollen. Wie würde ich denn als Elter handeln, so ich eins wäre?

Ach ja, da waren doch mal einige Blogposts im Entwürfe-Ordner …

Pläne sind eh für den Allerwertesten – also gab es halt nur ein Familien-Atzventz-Kaffee und Kuchen.
DA reichen dann auch die Tasssen und Teller, und ich muss mir nicht für 7 Leute und 3/7 Mäkelesser ein Abendessen ausdenken. Aber einmal im Jahr ist auch genug, ich bin heute noch fix und alle.
Und kurz vor dem Landeanflug der Familie noch feststellen, dass a) keine Tischdecke groß genug ist und b) die verd**en Kuchengabeln nicht reichen! Zum Glück habe ich den MannMitHut, der dann schon mal ordnend eingreift und „alles wird gut“ sagt.

Adventsputz ist auch noch nicht durch! Die FENSTER! Die FUSSBÖDEN! Die SCHRÄNKE!
Dabei wollte ich doch eigentlich Weihnachten ausfallen lassen! (Außer die Plätzchen. Plätzchen müssen sein!) Ich bin doch diejenige, die sich immer darüber mokiert, dass die Menschheit Weihnachten exzessiv zelebriert, es aber mit der Religion so gar nicht hat? Immer wieder schön: „Was sollen wir dir denn zu Weihnachten schenken?  – Nix! – Wie nix?! – Ihr wisst doch, dass ich kein Weihnachten feier? Keine Kirche, keine Religion, keine Weihnachtsgeschenke, ganz einfach. Ich freue mich, wenn wir Zeit miteinander verbringen! – Ähm, öhm, achso, aber ein bißchen was? – KEIN PLASTIK und kein Verpackungsmüll! Damn!“ Wobei ich das letzte Wort dann nur in Gedanken spreche.

Wann habe ich eigentlich mein Nähzimmer zuletzt von innen gesehen außer zum Bügeln?
BÜGELN? Ach Mist, die WÄSCHE!

Und komme ich auch mal mit der ToDo-Liste für die Arbeit zu Potte?

In die alte Heimat müssen ein paar Weihnachtspäckchen los! Vorher aber noch den Päckcheninhalt besorgen (zum Glück ist die Frage nach dem Was schon beantwortet)!

Der Garten muss auch noch gepflegt und gehätschelt werden – bevor Schnee liegt! (Ich hätte doch nochmal Rasen mähen sollen …)

Und das Thema ist auch noch so eins. Hier bin ich für fundierten Input ja sehr dankbar, aber den Feedreader nachlesen und das Hintergrundwissen zu einer eigenen Meinung zimmern …

Dann ist da noch die Sache mit dem Geld. Also, mit dem Geld, das nächstes Jahr so ausgegeben werden muss. Und der – ich hasse dieses Wort – Budgetplanung dazu. Aber wenn ich das nicht alles aufschreibe, dann kommen die Zahlungen immer so überraschend. Also hinsetzen, planen. Und mit dem Geld ein bisschen aufmerksamer umgehen. So schön es ist, dass der MannMitHut dann bald HausBaustellenbesitzer ist, aber so ein Haus ist etwas anderes als eine Mietwohnung. Anderseits: Äh? Eigenheim? Ich? Kommt mir immer noch unwirklich vor. Aber: Besitz verpflichtet.
Heute dafür – zugegeben sehr liebenswürdige und kompetente – Telefonate geführt, damit wir nicht doch plötzlich ohne Strom und ohne Heizung dasitzen.

Und ich wundere mich, dass ich nachts um drei wach und grübelnd im Bett liege …

 

 

Balkongedanken (5) – Steine im Weg und leben lernen

Da macht man sich so seine Gedanken …

In meinem Bekanntenkreis gibt es einen Menschen, dem ich so gerne irgendwie helfen würde. Es tut mir in der Seele weh, diesen Menschen so am Rand seiner Kraft und so ohne Energie zu sehen. Das Selbstbewusstsein so klein mit Zylinder, dass es unter den Teppich passt. Und immer neue Rückschläge, ohne Pause, um sich wenigstens einmal ein bisschen zu erholen. Aber da bringt Hilfe von außen leider so gar nichts, denn es ergibt sich eines aus dem anderen. Als Außenstehender ist es natürlich immer leicht, sich zu einer Meinung aufzuschwingen und sowohl Fehlerursache als auch Problemlösung glasklar zu sehen – vermeintlich zu sehen.

Ich vergleiche oft zwei unglaublich unterschiedliche Lebensverläufe. Und scheitere regelmäßig an der Frage, welche denn die bessere Alternative ist.

Da ist also ein Menschenkind, das in einer recht gut gestellten Familie aufwächst. Es wird geliebt und behütet.  Jeder Stein, der auch nur ansatzweise die Frechheit besitzt, in seinem Weg zu liegen, wird ihm aus ebenjenem geräumt. Nie darf es sich den Zeh stoßen, nie darf es lernen, mit den Steinen zu spielen und umzugehen. Nie darf/soll es sich die Steine selber aus dem Weg schaffen. Weil es das aber nicht lernt, ist jeder Stein ein unüberwindliches Hindernis. Oder es macht Fehler bei den Versuchen, selber mit den Steinen fertig zu werden. Was wiederum zur Folge hat, dass die Eltern nicht loslassen. Weil: Das Kind schafft es ja nicht alleine. Es muss an der Hand bleiben. Aber es wächst in einem liebevollen und harmonischen Umfeld auf, es lernt, dass die Familie ein stabiles Umfeld ist und keine Existenznot herrscht.

Ein roter Faden durch ein ganzes Leben. Die Male, wo das Menschenkind versucht hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, waren überstürzte, teilweise kopflose Aktionen, die auf Biegen und Brechen sein mussten. Entscheidungen, die aus zu wenig Lebenserfahrung und zu wenig Horizont entstanden, aber abgrenzen sollten. Dabei ist dieses Menschenkind durchaus ein kluger Kopf, der einfach nur nie auf sich alleine gestellt war – oder sein durfte.

Das andere Menschenkind hatte sehr früh bereits gelernt, dass es sich auf niemanden verlassen kann. Dass es sich selbst der Anker sein musste, weil alles um es herum instabil und nicht belastbar war. Es gab weder Liebe noch Harmonie, stattdessen ein „Seh zu, wie du klarkommst.“ Auch ein roter Faden. Es stieß an Steine auf seinem Weg, sah sich hilfesuchend um und musste die Steine doch allein besiegen. Jeder Stein brachte ein bisschen mehr Erfahrung. Manche Steine konnte es auch nicht bewegen und scheiterte. Es verzweifelte oft und wollte mehr als einmal aufgeben, aber irgendwie ging es immer weiter.

Und dann denke und grüble ich so, dass ein Kind nicht ohne Liebe aufwachsen sollte. Jedes Kind sollte doch eine behütete Kindheit erfahren dürfen, oder? Aber wenn das dazu führt, dass jemand als Erwachsener nicht unabhängig sein kann? Ist der zweite Lebensverlauf mit den extrem schwierigen – hm, Rahmenbedingungen besser, weil er Horizont brachte und lebenspraktisch machte?

Ich komme zu keinem Schluss, weil beides solche Extreme sind.

Balkongedanken (4) – Vom Alter

Nunja, inzwischen eher Sofagedanken – ist ja schon frisch geworden da draußen. Nix mehr mit gemütlich in der warmen Abendsonne sitzen, den weltbesten Lynchburg in der Hand und Gedanken denken. Jetzt eben Sofa, Kuscheldecke, Strickzeug und Gedanken denken. (Kaffee und Katz nicht zu vergessen!)

Weil, da lese ich so quer durch den Bloggergarten, mache mir diese und jene Gedanken dazu, nicke im Geiste oder schüttel den Kopf, erinnere mich an die zuletzt beantworteten Fragen, dann kommen ganz viele Gedanken auf einmal und alle wollen gleichzeitig gedacht werden. Gedankenknäuel. Verheddert. Wie die beiden Wollknäuel vom Strickzeug in der Hand. (Außerdem vor lauter Denken schon wieder verstrickelt, hmpf!)

Erkenntnis 1: Jeder will alt werden, aber keiner will alt sein. Auch die Alten nicht.
Erkenntnis 2: Alt werden ist nichts für Feiglinge!

Ach, rümpft ihr mal schön die Nase über alte Menschen. Die passen ja auch so gar nicht in unsere heile Hochglanzbilder-Scheinwelt, ne? Raffen die moderne Technik nicht, erzählen immer dieselben alten Geschichten, sind langsam, tüddelig, überfordert. Und wie die aussehen – olle Klamotten, Falten, Runzeln, der Schwerkraft folgende Körperteile!

Aber in der kurzen Zeit, die ich bis jetzt ehrenamtlich auf einer geriatrischen Krankenstation zugebracht habe, ist mir mehr Dankbarkeit, Lebensklugheit, Wissen, Humor und Interesse begegnet als in den letzten Jahren zusammen. Kleine Beispiele: Die 90jährige Dame (anders kann ich sie nicht bezeichnen), die in kurzen Episoden von einem Wahnsinns-Leben berichtet. Eine weitere 90jährige, die sich nur freut, dass ich ihr Zeit widme. Ein 85jähriger, der vor Dankbarkeit Pipi inne Augen hat, weil er einfach in Ruhe und ohne Hektik sein Brot aufessen kann.

Verdammt Zum Donnerdrummel, jeder Mensch hat das Recht, in Würde alt zu werden und alt zu sein. Die Zeichen seines Alters zu zeigen und damit nach seinen Möglichkeiten zu leben.

Bedenken Sie: Werden Sie auch einmal alt? Wenn ja, wie sind Sie dann beieinander? Wollen Sie sich dann Vorschriften machen lassen, was Sie zu tun und zu lassen haben? Oder werden Sie nicht alt, gehen frühzeitig, dafür in Schönheit und/oder Unversehrtheit? Und weroderwas bestimmt das?

Und was passiert eigentlich mit mir, sollte ich mal alt werden? Das war ja dieses Jahr wohl mein letzter bzw. mein vorletzter Umzug im Leben … Und die Schwiegers? Was passiert denn mit denen, wenn die nicht mehr sie selbst sind? Der SchwieVa ist doch Zeit seines Lebens mit Rührei machen schon überfordert – wenn der allein wäre *umHimmelsheiligerWillen* … Haben die das eigentlich irgendwie geregelt?

Andererseits: Ist unsere heutige hohe Lebenserwartung überhaupt sinnvoll? Vielleicht regelt sich DAS aber auch von selber wieder, dank der Unabsehbarkeit der Dinge, die die Menscheit so ersonnen hat.

Und weil sich die Gedankenspirale weiterdreht von diesem Thema zum nächsten, sind weitere Balkongedanken notwendig.

 

 

Balkongedanken (3) – Von der Jugend

Mal wieder ein paar neue Häuser in Bloggerhausen besichtigt. Also neu im Sinne von „kannte ich noch nicht“, nicht von „neu gebaut“.
Nun ja, ich liebe Berufeblogs. Mir gefällt der Blick hinter die Kulissen, das Insiderwissen, die Sicht von drinnen nach draußen, quer durch alle Berufe.
Wenn Sie aber den Glauben an die Zukunft, speziell an die inländische Zukunft verlieren möchten, wenn Sie also unbedingt darauf bestehen – dann lesen Sie Lehrerblogs.

Nun ist es ja so, dass gerade beim Bloggen über den Beruf nicht die vielen schönen Begebenheiten aufgeschrieben werden, das wäre ja irgendwann fad. Oft sind es eben die negativen Erlebnisse, die das Bild prägen. Aber gerade bei Kindern vermittelt sich mir seit vielen Jahren ein Wandel, der mich stellenweise sehr schockiert und ratlos macht. Selber bin ich ja kein Elter, deshalb tue ich mir schwer, Ursachen und Zusammenhänge zu finden, die über das von mir „heiß geliebte“ Stammtischniveau hinausgehen. Also bitte, klären Sie mich auf: Wo ist der Knackpunkt in den letzten zwanzig, dreißig Jahren? Was sind Ursachen, Wirkungen, Auswirkungen und Nachwirkungen?

Ich grüble darüber nach, dass es doch nicht sein kann, dass die Kinder

– anscheinend nicht in der Lage sind, gesunden Menschenverstand zu entwickeln (Ballerinas sind „festes Schuhwerk“??)
– nach der Grundschule nicht in der Lage sind, einen Satz fehlerfrei zu schreiben, geschweige denn, einem Diktat zu folgen
– überhaupt einer Tätigkeit nicht länger als fünf Minuten Aufmerksamkeit widmen können (Lesen? Zuhören? Wassndas?)
– an den einfachsten Wörtern scheitern („Balkon“ – einen haben und das Wort dafür nicht kennen – ERNSTHAFT??)
– keine Zusammenhänge herstellen können
– offenbar die grundlegendsten Höflichkeitsregeln im menschlichen Miteinander nicht kennen
– sich untereinander unglaublich respektlos behandeln
– mit einer Selbstverständlichkeit auch gegenüber Erwachsenen – Eltern, Bekannten und Fremden – respektlos sind
– glauben, mit einer „Entertain me“-Einstellung durch das ganze Leben zu kommen
– dabei ein Aggressionspotenzial an den Tag legen, das mich schockiert
– keinerlei Empathie mehr entwickeln können
– niemand außer sich selbst als Autorität betrachten
– keinerlei Willen haben, irgendetwas zu erreichen.

Dass Kinder
– mit vier, fünf Jahren noch im Kinderwagen durch die Gegend gefahren werden
– ihren Eltern erzählen, was sie einzukaufen bzw. zu kaufen haben
– jeden Stein aus dem Weg geräumt bekommen
– für ihr Handeln keine Konsequenzen erfahren
– dafür aber eine Bequemlichkeit erleben, die jede Eigenverantwortung überflüssig macht
– und deshalb immer die Schuld am eigenen Scheitern, in welcher Hinsicht auch immer, bei anderen sehen.

Und das sind nur einige wenige Punkte, die mir gerade so spontan einfallen. Ich scheine also wirklich irgendwo aus der Zeit gefallen zu sein. Gibt es keine Normalität mehr, sondern nur noch Extreme? Wenn das allerdings die Normalität ist, weigere ich mich, sie gut zu finden.

Wo also ist in den Generationen vorher der Bruch? Denn die Kinder selbst können wenig dafür, sie sind ja auch nur das Produkt ihrer Umgebung.
Natürlich hat sich die Welt gewandelt, vor allem und ganz besonders in technischer Hinsicht. An diesem Punkt sind es wohl auch die Kinder, die ihren Eltern überlegen sind – weil sie das technische Know How nebenbei aufnehmen und nicht mühsam lernen müssen wie die Alten. Haben Sie mal Zweijährige beobachtet, die die typische „Wischgeste“ machen? Können wir also Erziehung heute noch mit der Erziehung von früher vergleichen? Auch als ich Kind war, war die Welt im (auch technischen) Umbruch. Quer durch alle Kulturen und Migrationshintergründe – sind Achtung und Respekt gegenüber Mitmenschen keine zeitgemäßen Werte mehr? Was also gibt das dann so in zwanzig bis dreißig Jahren?

Und mit all diesen Fragen und Grübeleien habe ich auch den kleinen Neffen im Sinn. Mich – ausgerechnet mich?! – bzw. den MannMitHut und mich haben mein Bruder und meine Schwägerin vor einiger Zeit schon gebeten, das Kind aufzunehmen, wenn ihnen was …. Sie wissen schon *seufz*. Das gibt nochmal wieder eigene Balkongedanken.

Balkongedanken (2) – Prägungen

„Ich möchte nie so werden wie meine Eltern!“ – Diesen Satz haben wohl die meisten von uns schon einmal gedacht, gesprochen, geschrieben – ich auch, oft genug mit Ausrufezeichen.

Das Pflichtbewusstsein freudestrahlt „hallo-ho“, die in der Wohnung angesammelte Handarbeitsleidenschaft grinst wissend vor sich hin, feixend steht das „DaskannmandochsonichtlassendasgehtdochnichtwassollendenndieLeutedenken“ mitten im Weg, brettlbreit fläzt das Ehefrauen-Ehrgefühl rum und die misanthropische Ader grätscht auch ab und zu dazwischen.

Surprise, surprise – vergesst das mit dem „nicht so werden wollen wie die Eltern“!
Auch wenn wir vieles anders machen, anders machen können und uns sehr viel mehr Optionen zur Verfügung stehen – moderne Zeiten eben -, sind wir doch das Produkt unserer Eltern.

Wer und wie bin ich, und warum bin ich so wie ich bin? Verschiedene Inputs lösen aktuell bei mir Selbstreflektion aus. Einerseits freue ich mich, ein Wort dafür zu haben, das mir mein Leben im nachhinein ein bisschen verständlicher macht und das ich nicht groß anderen erklären muss, die in der gleichen Liga spielen: Kriegsenkel!*
Andererseits frage ich mich ironisch „Na, haste jetzt auch endlich ein Label für dich gefunden? Das ist aber bequem, was?“

Ich stelle fest: Es ist kompliziert. Die Verantwortung einfach auf unsere Altvorderen zu schieben, ist zu simpel, denn für unser Leben sind wir ab einem gewissen Alter selbst und höchstpersönlich zuständig. Aber dennoch spiegelt vieles von dem, was mein Leben prägt,  das Leben meiner Eltern wider.
Das fängt damit an, dass wir drei Geschwister von zuhause ausgezogen sind, sobald wir volljährig waren. Bloß weit weg! – Ach guck, die Eltern waren im selben Alter, als sie ihre Elternhäuser verlassen haben?
Das geht zum Beispiel weiter damit, dass in unserer Familie jeder für sich allein kämpft und Kontakte unter uns Geschwistern nur rudimentär bestehen. – Öhm, das war bei Maman ja auch nicht anders, und der Vater als Einzelkind … wie denn auch?
Und es endet noch lange nicht damit, dass ich (ebenso wie meine beiden Brüder) ohne Rücksicht auf körperliche Auszeitsignale pflichtbewusst Dienst tue, notfalls mit Fieber und auf Krücken. Das war schon in der Schule so und ich glaube, ich habe in über 20 Jahren Arbeitsleben nur eine einzige Krankmeldung über 3 Tage abgegeben. – Auch da fällt der Apfel nicht weit vom Birnbaum, weil „Was sollen denn die Leute denken?!“.

Es tut gut, solche Muster zu erkennen und festzustellen, dass man dagegen angehen kann. Das ist harte Arbeit und nicht immer leicht, aber: Nein, ich bin kein schlechter Mensch, wenn ich mit Erkältung mal im Bett bleibe, ich bin gerade ein Bazillen-Mutterschiff und gehöre in Quarantäne! Ja, wir Geschwister sehen und hören uns selten, aber im Notfall stehen wir zusammen gegen den Rest der Welt!
Nur so zum Beispiel.

Und dann kann man auch lächelnd manche übernommenen Handlungsweisen akzeptieren und damit klarkommen.
AnnJ geht jetzt ’ne Runde an die Nähmaschine, mit Kaffee! (Ja Maman, ich sammel die Fädchen und Schnipsel dann schon weg!)

🙂

 

* Der Ausdruck Kriegsenkel stammt von der Autorin Sabine Bode, die mir mit ihren Büchern über Kriegskinder und Kriegsenkel viele Denkanstöße gegeben hat.